TV-Tipp: WM-Dokus
Das Wetter hier im Norden ist für die kommende Woche nicht gerade sommerlich angesagt. Zeit also für das eine oder andere gemütliche Stündchen vorm TV. Passend zum heutigen Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA gibt es in den Mediatheken von ARD und ZDF derzeit zwei sehenswerte Dokumentationen. „Elf Helden – ein Albtraum“ dreht sich um die Geschehnisse bei der Fußball-WM 1994 (ARD), die zum unerwarteten Ausscheiden der favorisierten deutschen Elf geführt haben, und die etwas kitschigere ZDF-Doku wirft noch einmal einen Blick auf das „Sommermärchen“ 2006 (ZDF). Beide Mini-Serien sind filmisch und vom Storytelling sehr schön umgesetzt und liefern wirklich interessante Hintergründe, die mir zumindest nicht bekannt waren.
Was diese zwei Dokus noch eint: Sie beinhalten beide eine ordentliche Portion Medienkritik und zeigen, wie vor allem die Medien des Axel Springer Verlags massiv den jeweiligen Bundestrainer in einer Art und Weise auseinandernehmen, die mit Journalismus nicht mehr viel zu tun hatte – und wie sie am Ende Lügen gestraft werden.
Was man aus diesen zwei Stories an relevanten Aspekten für unsere aktuelle Politik rausziehen kann, erkläre ich am Ende dieses Blogposts.
1994 war ich Anfang 20 und Student an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Unsere „Public Viewings“ waren damals großformatige Fernseher, die von den Gastronomen in der Kölner Südstadt, im Friesenviertel und auf der Zülpicher vor ihren Läden aufgestellt wurden. Man musste entweder sehr früh da sein, um einen Sitzplatz zu ergattern. Oder man stand halt einfach mit seinen Freunden und einem Kölsch in der Hand das Spiel über auf der Straße und glotzte mal hier, mal da ein bisschen rein. Ich kann mich sogar noch recht gut an das Spiel gegen Bulgarien erinnern, als Deutschland ziemlich überraschend im Viertelfinale ausschied. Ich weiß noch, dass meine Kommilitonen und ich so mittel bis heftig enttäuscht waren, ja. Ansonsten? Null. Keine Erinnerung mehr an das Turnier. Bis auf eine Headline in der BILD-Zeitung: „Berti Vogts, unterschreiben Sie hier!“ Dazu war ein vorformuliertes Kündigungsschreiben im Namen von Bundestrainer Berti Vogts an den DFB abgedruckt.
Oft werden einem ja bestimmte Sachverhalte erst in der Retroperspektive klar. Mir war damals 1994 bspw. nicht so bewusst, WIE stark die deutsche Mannschaft besetzt war. Mit einem Blick zurück muss ich sagen: Wow. Neben den Weltmeistern von 1990, die zwar zur WM in den USA vier Jahre älter waren, aber immer noch voll im Saft standen, kamen die Top-Spieler aus der ehemaligen DDR dazu und neue, damals noch junge Talente wie bspw. Basler und Effenberg. Insgesamt ein Kader, mit dem man fast Weltmeister werden muss. So wird es auch in der Doku öfters gesagt. Warum daraus nichts wurde, zeigt die ARD-Doku sehenswert auf. Darauf gehe ich hier jetzt nicht näher ein, aber teilweise rauft man sich die Haare bei allem, was vor Ort verbockt wurde.
Die Springer-Kampagne
Ein Themenschwerpunkt in der Mini-Serie ist, wie massiv die Medien Berti Vogts kritisiert haben. Für Ex-Teamchef Beckenbauer wurde extra ein Studio eingerichtet, damit er immer direkt vor Ort zeitnah und schonungslos in die Kameras meckern konnte, was sein Nachfolger wieder alles verkehrt gemacht hat. Dazu der noch junge Stefan Raab, der mit seinem Bööörti-Song und quatschig-penetranten Interview-Überfällen nur das Ziel hatte, den ohnehin etwas steifen Berti lächerlich zu machen. Sagen wir so: Vogts hatte nicht den leichtesten Job.
Am heftigsten war allerdings die permanente Kritik von der BILD-Zeitung, die nahezu in jeder Headline, in jedem Artikel gegen den früheren Bundestrainer schoss und in dem oben erwähnten Kündigungsschreiben gipfelte, das sogar Thema in einer meiner Sportjournalismus-Vorlesungen war. Unser Dozent erklärte uns damals schon den Hintergrund dieser dieser Kampagne gegen Vogts: Er war nämlich nicht bereit, mit der BILD-Zeitung zu kooperieren, zB. dem Blatt Aufstellungen vor allen anderen Medien preiszugeben. Damit war der BILD der direkte Draht zur Nationalmannschaft, der ja durch die Verträge mit Beckenbauer vorher geradezu glühte, durchtrennt. Die wichtigste Informationsquelle, die die BILD von anderen Medien abhob, war tot – und Vogts damit zum Abschuss freigegeben. Wie in der Doku dargestellt wird, half dem Boulevard-Blatt dabei tatkräftig Lothar Matthäus, der immer wieder Interna aus dem innersten Zirkel der Mannschaft an die Springer-Redakteure durchsteckte.
Zum Ende arbeitet die Doku wunderbar heraus, wie Vogts nach der verkorksten WM das Team ausmistete, u.a. auch Matthäus aussortierte, und plötzlich Erfolg hatte. Denn 1996 holte er mit seiner Mannschaft, den Europameistertitel bei der EM in England. Schau an.
Generell wird durch beide Dokus deutlich, wie sehr Berti Vogts immer unterschätzt und falsch wahrgenommen wurde – und was das für ein hochanständiger, gerader Typ ist. Denn er sorgte auch maßgeblich dafür, dass 2004 nach einer erfolglosen Trainersuche des DFB schlußendlich Jürgen Klinsmann neuer Teamchef wurde.
Sommermärchen dank Dickkopf
Auch Klinsmann war ein BILD-Gegner, der sich nicht von Springer „kaufen“ ließ. Entsprechend hart ging die BILD auch hier wieder gegen alle Entscheidungen des Teamchefs vor. Seine neuen, verrückten Trainingsmethoden, die Fitnesstrainer aus den USA, ein Aufstand der Bundesligatrainer, die sich angeblich in ihrer Arbeit kritisiert sahen, seine Kader-Nominierungen; die Entscheidung gegen Oliver Kahn als Torwart – es wurde nahezu alles schlecht geschrieben. Dass Klinsmann seinen Wohnsitz während der zwei Jahre WM-Vorbereitung nicht nach Deutschland verlagern und weiterhin in den USA leben wollte, war ein gefundenes Fressen für die BILD. Die Stimmungsmache ging so weit, dass vor WM-Start durch Angela Merkel(!) ein Treffen von Klinsmann und Teammanager Oliver Bierhoff mit der Springer-Spitze initiiert wurde, um doch noch für eine positive Berichterstattung zu sorgen.
Mit Erfolg. Die Nationalmannschaft zeigte bei der WM 2006 einen absolut emotionalen Fußball und bescherte uns das „Sommermärchen“. Es begann die Ära einer völlg neuen Nationalelf, die mit einem attraktiven offensiven Spielstil die kommenden Jahre und folgenden Turniere begeisterte und schließlich 2014 Weltmeister wurde. Dank Klinsmann und seinem Dickkopf. Diese jahrelange Kritik der Springer-Presse – erneut weggewischt.
Wir lernen also: Das Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber den verantwortlich Personen wurde maßgeblich durch die negativen Berichte in den Springer-Medien erzeugt. In beiden Fällen stellte sich heraus, dass diese Meinungsmache von BILD & Co. völlig überzogen und unnötig war.
Springer hackte auf alle Neuerungen demonstrativ und destruktiv ein. So förderst du nur eins: Stillstand. Keine Innovation. Keine Weiterentwicklung. Ich bin jedenfalls froh, dass speziell Klinsmann – den ich in anderen Punkten auch durchaus kritisch sehe – trotz aller Widerstände sein Ding durchgezogen hat. Beeindruckend.
Das politische Déjà-vu
Und jetzt schlage ich mal den großen Bogen in Richtung Politik. Ploppen bei Euch keine Erinnerungen auf? Welcher deutsche Politiker musste denn in den vergangenen Jahren eine unfassbar negative Berichterstattung von der Springer-Presse ertragen, die der Kampagne gegen Vogts und Klinsmann in seiner Intensität und Kontinuität sehr, sehr ähnelte? Genau: Robert Habeck.
Im Frühjahr 2021 lagen die Grünen in den Umfragen zur anstehenden Bundestagswahl bei 26-28 Prozent – und damit sogar vor der CDU/CSU. Das war der Moment, in dem Söder, Merz und Spahn die Grünen als politischen Hauptgegner definierten und später, als Habeck Kanzlerkandidat wurde, anfingen, permanent konkret gegen seine Person zu schießen. Unterstützt wurde diese Stimmungsmache, klar: von der BILD-Zeitung. Auch wenn das Blatt immer betont, es hätte nie eine Kampagne gegeben. Na ja. Siehe oben.
Das Medienwatchblog Kobuk analysierte 2023 die BILD-Berichterstattung über Habeck und kam zu dem Ergebnis, dass die Berichte überwiegend negativ gewesen seien. Die Autoren sprechen eindeutig von einer Kampagne, weswegen ich das übernehme. Mehr dazu hier.
Da war wieder Einer, der bei den Leuten zu gut ankam. Einer, der etwas bewegen wollte. Einer, der die Zukunft im Blick hatte. Einer mit zu guten Ideen. Die Stimmungsmache gegen die Grünen und gegen Habeck nahm in ihren Ausprägungen geradezu groteske Formen an. Immer befeuert von: der BILD-Zeitung. Ich persönlich konnte es gar nicht fassen, mit was für peinlichen Kindergartenstreitereien speziell Söder häufig in den Medien auffiel.
Aber warum macht die BILD das? Die Bild richtet sich traditionell an ein eher konservatives Publikum. Die Politik der Grünen wiederum – etwa bei Klima-, Energie- oder Verkehrsthemen – steht häufig im Konflikt mit Positionen, die bei Teilen der Bild-Leserschaft populär sind. Als Wirtschaftsminister war Habeck darüber hinaus während der Energiekrise 2022/23 einer der sichtbarsten Politiker Deutschlands. Entscheidungen wie das Gebäudeenergiegesetz („Heizungsgesetz“) sorgten für massive Kontroversen. Bild machte ihn einfach oft zur zentralen Figur der Kritik. Und: Boulevardmedien arbeiten häufig mit Personalisierung und Konflikten. Ein polarisierender Minister erzeugt Aufmerksamkeit und Klicks. Und das ist für solch ein Medium wichtiger, als dass die richtigen politischen Maßnahmen getroffen werden.
Aber es tut sich ja was. Mittlerweile hat die aktuelle Regierung schon mehrfach Ideen von Habeck, die sie noch in der Opposition massiv kritisiert haben, aufgegriffen und umgesetzt, teils sogar als ihre eigenen verkauft. Es wirkt so, als sei eben doch nicht alles so schlecht gewesen, wie es die CDU/CSU in Kombi mit der BILD dargestellt haben. Oder sie erfahren gerade einen Realitätscheck und merken, dass Habecks Vorhaben aufgrund der weltpolitischen Situation schlichtweg alternativlos waren und sind.
Ich habe außerdem aktuell das Gefühl, dass die Bürger – die Wirtschaftslenker Deutschlands ja sowieso – mehr und mehr spüren: Habeck war gar nicht so verkehrt. Und ich glaube, dass er selbst nach seinem Ausstieg aus der Politik auch wieder präsenter wird. Gerade neulich hat er in einem Talk mit Markus Feldenkirchen vom Spiegel in meinen Augen unter Beweis gestellt, was für ein hervorragender Rhetoriker und weitdenkender Mensch er ist – gerade im Vergleich zu unserem Bundeskanzler Friedrich Merz, der kommunikativ einfach ein Desaster ist.
Und ganz vielleicht gibt es auch bei dieser Story eine Wendung. Und vielleicht sitzen die Springer-Journalisten dann auch irgendwann vor Fernsehkameras, wie jetzt bei diesen Fußball-Dokus, und müssen in einer absolut erbärmlichen Art zugeben: „Ja, das war nicht so ganz in Ordnung, was wir damals gemacht haben.“ Und vielleicht kriegen wir ja am Ende sogar einen Bundeskanzler, der sozusagen in der Nachspielzeit auch Erfolg hat – wie Vogts und Klinsmann 1996 und 2006.

